Das Verhältnis der Einkünfte eines Wohlhabenden aus Kapital und des Einkommens eines Durchschnittsbürgers ist schon so krass, dass es letzterem schlicht unmöglich ist, hinsichtlich des Kapitalzuwachses mit den Reichen mitzuhalten. Zum Vergleich: Die Besoldung unserer höchsten deutschen Richter liegt bei rund 200.000 DM jährlich. Dafür müssen die aber arbeiten. Die Einkünfte der Wohlhabenden (nicht aus Arbeit, sondern aus Kapital) liegen, wie dargelegt, bei über 1 Million DM oder auch bei über 10 Millionen DM jährlich. Zieht man bei beiden 100.000 DM für die private Lebensführung ab, so könnte der höchstbesoldete Richter alle zehn Jahre ein neues Mietshaus im Wert von 1 Million DM erwerben. In derselben Zeit kauft der Wohlhabende allein mit seinen "Zinsen" zehn bis hundert solcher Häuser.
Da, wie gezeigt, Grund und Boden und (mit gewissem Spielraum) Unternehmenskapitalien begrenzt sind, kann nicht jeder, der will, Mietshäuser oder Unternehmenanteile kaufen. Hinzu kommt, dass Preise sich bekanntlich der Nachfrage anpassen. Da kann der Superreiche allein aufgrund seines Einkommens leicht ein Vielfaches von dem bezahlen, was jeder andere bezahlen kann. Auch wenn jemand, der nicht Nachkomme reicher Vorfahren ist und der kein Vermögen besitzt, noch so hart arbeitet: Er hat gegen die Kapitalansammlung eines Reichen und gegen dessen Kapitaleinkünfte keine Chance (den wenigen Spitzenverdienern aus Sport und Wirtschaft, die allein für ihre Arbeit oder Tätigkeit bezahlt werden, sei es aufrichtig gegönnt).
Die wirtschaftlichen Verhältnisse in einem feudalistischen Gemeinwesen waren und sind immer so, dass die "Masse" für ihre Arbeit gerade mal so viel Lohn erhält, wie sie für das Nötigste braucht. Insbesondere Mieten (die ja die Besitzenden kassieren) schneiden immer größere Löcher in die mickrigen Haushaltskassen vieler. Gelegentliche Ersparnisse dort von wenigen Hundert oder Tausend Euro im Jahr sind einfach lächerlich gegenüber dem, was die Superreichen jährlich an Kapitaleinkünften haben.
Dieses Diagramm zeigt vereinfacht den Vermögenszuwachs über 15 Jahre in vier Fällen. In den ersten beiden Fällen beträgt das Anfangsvermögen Null, in Fall 3 beträgt es 10 Millionen DM, in Fall 4 beträgt es 50 Millionen DM. Das Kapital erzielt 4% Rendite jährlich. Die Einkünfte aus Arbeit betragen 48.000 DM im ersten Fall und jeweils 120.000 DM in den anderen Fällen. Die Einkommensteuer beträgt 15% (Fall 1), 30% (Fall 2) und 45% (Fälle 3 und 4). In den Fällen 1 und 2 sieht man von einem Vermögenszuwachs nichts. Dagegen macht Fall 4 erschreckend deutlich, wie schnell die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht.
Das berühmte Spiel Monopoly hat viele Parallelen mit unserer Wirklichkeit und mit dem modernen Feudalismus: Die Einkünfte, die die Spieler bei Monopoly erzielen, sind Einkünfte nicht aus Arbeit, sondern aus Kapital. Es findet ein spannender und "freier" Wettbewerb statt; jeder versucht so viel gewinnbringendes Kapital zu erwerben wie möglich - und natürlich am liebsten die besten Stücke zuerst. Das Spiel macht allen Spielern Spaß, solange das Verhältnis zwischen arm und reich unter den Spielern noch einigermaßen ausgeglichen ist. Das Spiel endet, wenn einer alle anderen "geschluckt" hat. Der Spielverlauf ist kapitalistisch; das Spielende ist "modern feudalistisch". Freilich, es ist Zweck des Spiels (wie bei anderen auch), die Mitspieler "nieder zu machen".
Das im Spiel traurige, in der Wirklichkeit schreckliche ist nicht der Kapitalismus (also die rechtliche Möglichkeit, Kapital zu sammeln und anderen gegen Geld zu überlassen; das ist m. E. der Denkfehler von Kommunismus und Sozialismus). Nein, das "ungesunde" ist erst die zu große Kapitalansammlung bei dem einen im Verhältnis zu der der anderen.
Die Entwicklung von Einkommen (insbesondere von Einkommen aus Vermögen) und damit die Entwicklung von Vermögen überhaupt, wie sie sich nach offizellen Zahlen von 1961 bis 1995 in Deutschland (früher nur Westdeutschland) abgespielt hat, zeigt dieses Diagramm:

Zu beachten ist, dass hier bereits steuerliche Abschreibungen enthalten sind. Einkommen, das z. B. nach 1990 gleich in abschreibungsgünstige Objekte in den neuen Bundesländern gesteckt wurde, taucht hier gar nicht in der vollen Höhe, sondern nur um die Abschreibung vermindert auf. Über die Höhe der Abschreibungen oder über die tatsächlichen Einkommen und Vermögen gibt es keine offiziellen Zahlen. Bei manchen Superreichen machen Dividenden aus Aktien mehrere Hundertmillionen Euro jährlich aus. (Bei solchen Summen ist es überhaupt kein Wunder, dass manche Vorstände von Aktiengesellschaften Jahresgehälter von ein paar Millionen Euro bekommen. Über die spricht man in der Öffentlichkeit - über die ganz Großen spricht man nicht!)