Der klassische Feudalismus zeichnete sich dadurch aus, dass die "Rechtsordnung" dem Feudalherren die Macht über ein großes Gebiet einräumte, welches Lebensraum vieler Menschen war, und diese Menschen lebenslang der rechtlichen und faktischen (ritterlichen) Macht des Lehnsherrn unterworfen waren. Waren auf der einen Seite die Lehnsmänner recht- und besitzlos und tagein tagaus mit (Sklaven-) Arbeit beschäftigt - um überleben zu können, natürlich! -, bezogen die Lehnsherren die Früchte der Arbeit der Lehnsmänner. Die Einzelheiten waren in allen Zeiten und Ländern verschieden. Das System war insofern leicht zu überschauen, weil das Gebiet des Lehnsherren zugleich den Kreis seiner Lehnsmänner abgrenzte (im wesentlichen jedenfalls).
Der moderne Feudalismus unterscheidet sich davon dadurch, dass es keine geographische Abgrenzung mehr gibt. Der/die moderne Feudalherr/in besitzt nicht ein zusammenhängendes Land von beachtlicher Größe, sondern einige hundert Mietshäuser oder eine oder mehrere Fabriken mit Tausenden Arbeitnehmern. Das kann über ganz Deutschland verstreut sein. Er kann auch lediglich indirekt (durch Aktien und durch Anleihen) "Herrscher" über andere sein. Entscheidend ist, wie hoch sein Reichtum im Vergleich zum "Gesamtreichtum" des Gemeinwesens und der Zahl der Köpfe des Gemeinwesens ist. Wenn ein Gemeinwesen mit Hilfe von Sozialleistungen für Einzelne das Schlimmste verhindern muss, ist m. E. die Grenze schon überschritten.