Vermögenskumulationen

Bei der Betrachtung hier von Vermögenskumulationen geht es nicht um Vermögen von juristischen Personen, also z. B. von Aktiengesellschaften oder von GmbH. Von Bedeutung sind hier nur die Vermögen von natürlichen Personen. Es geht hier nicht darum, Kapitalgesellschaften klein zu machen und ihnen ihre Möglichkeiten (Macht) zu nehmen, was auch vielfach propagiert wird. Feudalismus - früher wie heute - ist eine Sache von (natürlichen) Personen.

Es ist sicher nicht in Ordnung, wenn Staat, Kirchen, Gewerkschaften oder andere öffentlich-rechtliche Organisationen "zu viel" Vermögen besitzen. Im Kommunismus, so kann man vereinfacht sagen, besitzt der Staat so ziemlich alles - mit welch traurigem Erfolg. Hier und heute in Deutschland ist das bei weitem nicht so ausgeprägt (ob das auch für die katholische Kirche gilt?). Es macht zudem einen erheblichen Unterschied, ob Vermögen sich - wie dort - "in vielen Händen" oder in der Hand einer einzigen Privatperson befindet. Kapitalgesellschaften sind eine gute Sache, weil sie Kapital bündeln und so häufig erst bestimmte Unternehmen ermöglichen.

Die Zahl der Superreichen und die Größe ihrer Vermögen sind bedrohlich ernste Fakten. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamts - leider nicht direkt, aber indirekt.

Verlässliche Erhebungen existieren nicht. Sehr hübsch ist in diesem Zusammenhang die "Wirtschaftswoche" mit den regelmäßig Beiträgen unter dem Titel "Wem gehört Deutschland?" (z. B. Heft 43/1999).

Ableitungen aus der Vermögenssteuerstatistik sind unbrauchbar. Statistisches Bundesamt, Finanzen und Steuern, Fachserie 14, Reihe 7.4 Vermögenssteuer, Hauptveranlagung 1993, S. 23:



Vermögen
über ... DM
Steuerpflichtige Gesamtvermögen
Mrd. DM
Prozent
  39335 3,426 0,4
100000 106675 13,537 1,6
150000 136148 23,812 2,9
200000 126905 28,517 3,4
250000 111624 30,635 3,7
300000 166343 57,625 6,9
400000 108534 48,473 5,8
500000 206166 141,455 17,0
1 Mill. 93027 138,161 16,6
2,5 Mill. 22138 75,660 9,1
5 Mill. 9140 62,817 7,5
10 Mill. 3961 54,369 6,5
20 Mill. 1928 57,680 6,9
50 Mill. 498 33,354 4,0
100 Mill. 174 24,174 2,9
200 Mill. 87 39,676 4,8
Insgesamt 1.132.683 833,371 100,0


Diese Zahlen sind vor allem nach Einheitswerten berechnet. In der Statistik macht sich auch der 1992 erhöhte Freibetrag von 500.000 DM für betriebliche Vermögen bemerkbar (a.a.O. S. 9).

Nach dem Statistischen Jahrbuch 1998 (herausgegeben vom Statistischen Bundesamt), Seite 676, betrug 1996 das reproduzierbare Bruttosachvermögen 16.798,69 Mrd. DM. 1993 betrug es 15.222,04 Mrd. DM. Dabei handelt es sich um "das gesamte in der Produktion eingesetzte Sachvermögen und das Wohnungsvermögen mit Ausnahme von Grund und Boden. Auch das Gebrauchsvermögen der privaten Haushalte und die militärisch genutzten dauerhaften Güter sind in den Angaben nicht enthalten" (Erläuterung a.a.O. S. 650). Nach dieser Statistik betrug das Vermögen in Deutschland 1993 also schon das über 18-fache des Gesamtvermögens nach der Vermögenssteuerstatistik. Dabei sind hier Grund und Boden oder privates Gebrauchsvermögen gar nicht mal enthalten. Jedenfalls zeigt sich wieder einmal, dass man Statistiken genau "lesen" und hinterfragen muss.

In der oben zitierten (wie gezeigt recht fragwürdigen) Vermögenssteuerstatistik ist a.a.O. interessanterweise auch der Vermögenszuwachs von 1989 bis 1993 angeführt. Er lag also bei den Reichsten der Reichen bei 22,9% in fünf Jahren oder bei (39.676.000.000 / 87 x 22,9 / 122,9 / 5 =) 17 Mio. DM jährlich oder 46 TDM täglich. Wie gesagt: nur nach Einheitswerten gerechnet.

Die Fragen bleiben:

Wem und in welcher Anhäufung gehört das "reproduzierbare Bruttosachvermögen" im Wert von 16.798.690.000.000 DM (Stand 1996), m. a. W. das Vermögen auf Grund und Boden in Deutschland? Wem und in welcher Anhäufung gehört der Grund und Boden in Deutschland?

Im Grunde geht es bei unserem Thema darum, wie sich das Einkommen und in diesem Zusammenhang wie sich das gewinnbringende Vermögen (Kapital) in Deutschland verteilt. Dafür gibt es leider keine bessere Quelle als die Einkommensteuerstatistik. Sie zeigt immerhin direkt auf, wie viele Steuerpflichtige u. a. mehr als 500 TDM, 1 Mio. DM und mehr als 10 Mio. DM verdien(t)en und womit. Wenn wir von diesen steuerrechtlichen Einkünften zurückschließen wollen auf das Vermögen, müssen wir differenzieren zwischen "Einkommen aus eigener Arbeit" und "Einkommen aus Kapital". "Einkommen aus Kapital" ist letztlich immer "Einkommen aus Arbeit anderer"

Bei den Einkünften aus nichtselbständiger und aus selbständiger Arbeit ist das relativ klar (wobei auch die Einkünfte eines Seniorpartners einer 50-köpfigen Rechtsanwaltskanzlei nicht mehr nur Einkommen aus Arbeit sein dürften).

Klarheit besteht auch bei Einkünften aus Vermietung und Verpachtung und bei Einkünften aus Kapitalvermögen.

Schwieriger ist es bei Land- und Forstwirtschaft und bei Gewerbebetrieb. Hier kann man wohl behaupten: Handelt es sich um geringe Einkünfte (=kleine Betriebe), dann ist der Arbeitsanteil des Inhabers sehr hoch, womöglich 100%. Handelt es sich dagegen um hohe Einkünfte (=große Betriebe mit vielen Arbeitnehmern) dann ist der Arbeitsanteil des Inhabers relativ klein, vielleicht sogar 0%; der andere Teil ist dann Einkommen aus Kapital. Ziehen wir - wie unter "Chancengleichheit?" - den Vergleich zur Besoldung unserer höchsten Richter, so können wir vereinfachend unterstellen, dass der "Arbeitsanteil" höchstens 200.000 DM ausmacht. Wenn also die 694 Reichsten unseres Landes mit ihren 12.342.438.000 DM Einkünften aus Gewerbebetrieb (siehe Statistik des Statistischen Bundesamts) tatsächlich voll im Unternehmen mitarbeiten, dann können wir pauschal 694 x 200.000 DM = 138.800.000 DM als Arbeitsanteil abziehen. Der Rest ist etwa das Einkommen aus Kapital. (Als Vergleichsmaßstab führe ich die Besoldung unserer Verfassungsrichter an, wo wohl außer Frage steht, dass die gute und harte Arbeit leisten und dafür auch gut entlohnt werden sollen: rund 200.000 DM jährlich. Dort fließen auch keine Kapitaleinkünfte mit ins Einkommen ein, wie etwa bei einem Prinzipal einer OHG oder KG. )

Die "sonstigen Einkünfte" können wir vernachlässigen.

Im Jahr 1992 hatten nach der Einkommensteuerstatistik von den insgesamt rund 30 Millionen Steuerpflichtige 25.265 Steuerpflichtige ein Einkommen von über 1 Million DM (über 750 davon hatten eines von über 10 Millionen DM). Zusammen betrugen deren Einkünfte allein im Jahr 1992 rund 70 Milliarden DM, im Schnitt also über 2,7 Millionen DM pro Steuerpflichtigen.

Diese Gruppe von 25.265 Steuerpflichtigen erzielte 1992 zusammen ebenso viele positive Einkünfte (im steuerrechtlichen Sinn) aus

Bei alledem sind noch nicht die steuerfreien Vermögenszuwächse berücksichtigt. Grundstücke steigen im Wert, weil sie knapp sind und weil natürlich auch steuerbegünstigte Investitionen (Bebauung) sich niederschlagen. Aktien steigen regelmäßig erheblich im Wert (in manchen Jahren 10% - 30% jährlich), zumal Großaktionäre die Unternehmensgewinne lieber im Unternehmen belassen (= steuerfreie Wertsteigerung der Aktien) als sie sich als (zu versteuernde) Dividende auszahlen zu lassen (BASF 1998: Von 5,34 DM Gewinn je Aktie wurden lediglich 2,20 DM an den Aktionär ausgeschüttet).

Die 751 Steuerpflichtigen mit 10 Millionen DM oder mehr Einkünften im Jahr 1992 hatten im Durchschnitt 19.968.850 DM Einkünfte und mussten im Durchschnitt 8.587.888 DM Einkommensteuer zahlen (Statistisches Bundesamt, Finanzen und Steuern, Fachserie 14, Reihe 7.1, 1992, S. 18 f.). Und das waren Einkünfte (fast) nur durch Kapital. Diesen 751 Personen verblieben nach Steuern im Schnitt über 31.000 DM täglich! Da es hierbei um Einkommen aus Einkommen aus Kapital handelt, handlet es sich letztlich um Einkommen aus Arbeit anderer.

Damit ist der Feudalismus in Deutschland bereits wiedergekehrt. Feudalismus ist, kurz gesagt, wenn einer der Herr über sehr viele Knechte ist und von der Arbeit der Knechte in großem Luxus lebt. Nichts gegen das Dienen an sich. Es ist völlig richtig, wenn jeder einem anderen dienlich ist. Eine Wirtschaft lebt davon. Entscheidend ist aber das Verhältnis von "Herr" und "Diener". Hat einer hundert Diener, die jahrein jahraus für ihn arbeiten, dann ist das schon ganz schön feudalistisch.

 

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