Es war einmal

Es war die Zeit, als der Besitz von Land mehr zählte, als alles andere, als die Gesellschaft in Besitzer und Diener aufgeteilt war und das Brechen der Klassenrollen keine Verzeihung fand: es ist fast hundert Jahre her.
Als der Anfang und das Ende des Tages durch den Sonnenauf- und Untergang bestimmt wurden, zählte man die Monate mit Hilfe der Saat- und Erntezeit.
Menschen, Tiere und Natur wie in einem Bündnis für einander bestimmt: die Industrie wird erst viel später Fuß auf dieser Insel fassen.
Die Welt war klein, die Ereignisse wurden meistens durch die Mundpropaganda bekannt, der stärkste Kern der Gesellschaft war die Familie, das Gesetz war etwas Unfassbares und doch war es gesetzt.
Frauen und Männer teilten sich die Arbeit in einer wie abgesprochenen Rollenaufteilung.

Cagliari war ein "großer Handelsmarkt": ob Möbel, Kleider, Stoffe oder Ähnliches war Casteddu (Cagliari) immer eine Geschäftsreise wert. Auf dem Markt oder bei Einzelhändlern fing der größte "Austausch" der Insel statt. Agrarprodukte und Vieh gegen "Luxusgüter". Mit Geld wurde es üblicherweise nicht bezahlt: die Währung hatte sich noch nicht durchsetzen können. Meistens brachte der Reisende die tollsten Geschenke aus der Stadt nach Hause: dann war Freude in der Familie angesagt! Als Religion und Aberglaube kaum zu trennen waren, bestimmte das Schicksal scheinbar die Zukunft jedes Einzelnen. Für alle aber, ob arm oder reich, fing der Tag sehr früh am Morgen an und endete in einer geselligen Runde an der Kochstelle.

Dabei entstanden die unglaublichsten Geschichten. Egal, ob über die Nachbarn oder Kinder gesprochen wurde oder ein spontaner Gesangswettbewerb ("Muttetus") die Runde auflockerte - der Begleiter war immer ein Glas hausgemachten Weins am Licht einer Öllampe.

Es ist fast hundert Jahre her.

Kurz danach kam meine Oma auf die Welt...



Die Muttetus haben mich immer fasziniert.

Es handelt sich um eine Art der Kommunikation, wobei der Gesang, die Spontanität und der Reim der Strophen die Hauptmerkmale sind. Spontan fängt der Eine oder Andere mit einer gesungenen Erzählung in Reimen an. Der Nächste antwortet oder erzählt mit der gleichen Melodie weiter, alle beteiligen sich nacheinander daran. Wie lange es dauert, wann man anfängt und wieviele Leute einbezogen werden, spielt hierbei keine Rolle; die Themen sind die verschiedensten: Wiedergabe von all dem, was am Tag passiert ist, Liebes"koma", Gedanken und Tratsch: was eben eine "normale" Konversation ausmacht - aber in Reimen gesungen. Heute singt man sie fast nur noch und auch sehr selten auf Hochzeitsfesten. Protagonist der Geschichte ist natürlich das Brautpaar. Der Ton ist meistens sehr ironisch.
Damals, vor hundert Jahren, waren die Muttetus für jeden alltäglichen Anlaß gut.


Denjenigen, die sich für sardische Geschichte aus dieser Zeit interessieren und gleichzeitig Unterhaltung in der Literatur des Realismus der Jahrhundertwende finden, empfehle ich die Romane von Grazia Deledda: dort finden Sie menschliche Schicksale in der Gesellschaft der "Sardegna barbaricina" (Region in Sardinien).

 

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