Angesiedelt im Zentrum des westlichen Mittelmeers, vom durchschnittlichen Europäer oft mit Sizilien verwechselt, erobert Sardinien die Herzen von individuellen Reisenden und reichen Prominenten. Dass die kleinere und viel bekanntere Nachbarin, Korsika, öfter besucht wird, stört den Sarden nicht: Es ist kein Vergleich, "Sardinien ist viel schöner" sagen sie. Aber wieso weiß das keiner?
Sarden sprechen nicht gerne über ihre Schätze - stolz und eifersüchtig verstecken sie ihre Kultur, ihre atemberaubenden Naturschätze, ihre Traditionen und ihre höchst interessante Volkspersönlichkeit und warten darauf, entdeckt zu werden.
Das politische Motto"wir wollen keinen Massentourismus und bauen auf Exklusivität" funktioniert und spiegelt dieses Bedürfnis nach einem gemütlichen, unkomplizierten und faszinierenden "Paradies-Leben" wieder: Eben, was fremden Augen als unbeschwert erscheint, ist für mich "das goldene Gefängnis" ...
Francesca und Robert hatten sich vor 3 Jahren am Strand auf Sardinien kennengelernt. Sie bereitete sich für ihre letzte Prüfung an der Universität vor und Robert wollte in seinem Urlaub die Insel näher kennenlernen und seine Italienischkenntnisse verbessern. Ihr fiel sofort seine Neugier auf: "Was ist dieser Turm da vorne am Strand?", fragte er. "Das ist ein spanischer Turm: es gibt viele davon auf Sardinien". Francesca hatte sich nie Gedanken über den Turm gemacht, er stand seit jeher dort und sie fand ihn noch nicht mal interessant.
Was Sie aber besonders störte, war seine Bemerkung: "In Deutschland würden wir einen Zaun um den Turm herum bauen, ein Schild mit der Erklärung und den geschichtlichen Kerndaten anbringen und einen kleinen Eintritt verlangen." - das war wieder typisch! Man kann nicht aus allem Geld machen! "Und bei uns steht alles im Freien, sogar viele Nuraghen, damit jeder etwas davon hat", antwortete sie schnippisch.
Robert bewunderte den langsamen und gemütlichen Lebensrhwythmus auf der Insel: er konnte keine Spur von Stress und Hektik feststellen, man hat die Zeit für drei Mahlzeiten am Tag und die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen steht immer im Vordergrund. "Brauchst du eigentlich nie Zeit für dich alleine?", fragte er Francesca. Sie hatte die Frage nicht verstanden: "Wieso? Wenn ich lese oder lerne bin ich doch alleine." "Ja, aber dann klingelt das Telefon oder es kommt jemand unangekündigt vorbei und du stellst deine Pläne um..." - sagte er.
Francesca wußte nicht, was Einsamkeit bedeutet: ob die Familie oder Freunde oder einfach Bekannte, andere und verschiedene Leute gehöten einfach zu ihrem Alltag. Einen Tag, an dem sie kein Wort mit einem Mitmenschen ausgetauscht hätte, könnte sie sich gar nicht vorstellen. Was Robert meinte, verstand sie nicht.
Für Robert war es teilweise sehr anstrengend, ständig neue Gesichter zu sehen, immer etwas Neues zu unternehmen. Anderseits freute er sich über die Aufgeschlossenheit der Fremde; in eine neue Gruppe wurde er immer schnell und unkompliziert eingebunden, man redete mit ihm, als würde man sich schon seit Jahren kennen: so viele Leute auf einmal hatte er in keinem Urlaub kennengelernt. "Es ist langweilig hier", sagte Francesca einmal, "immerhin ist Sardinien eine Insel, man fährt nicht mal eben am Wochenende weg." " Ja, das stimmt." antwortete Robert. " Aber du hast hier alles, was du haben kannst; und niemand ist mit dem, was er hat, zufrieden." Die Antwort konnte Francesca nicht überzeugen, sie sagte aber nichts weiter dazu. Am gleichen Abend fuhr Robert zurück nach Deutschland.
Aus solcherlei Begegnungen und Überlegungen ist meine Bezeichnung von Sardinien als prigione dorata (" goldenes Gefängnis") entstanden.
Diese soll weder eine negative Bedeutung noch eine Abwertung der Insel darstellen. Es ist viel mehr die Beschreibung eines Ortes, an dem man gerne ist und bleibt, wo die Zeit keine Rolle spielt und wo wenig Vieles bedeutet. Die Gitter sind ein geografisches und psychologisches Hindernis: das Mittelmeer, der Kommunikationsweg in beide Richtungen, " nach innen und nach aussen". In den letzten Jahren hat es Sardinien oft verstanden, die Gitter durchzusä gen, nach aussen zu blicken, ohne seine Identität zu verlieren. Offen und modern zeigt sich die Insel, aufnahmefähig und aufgeschlossen gegenüber äußeren Einflüssen. Fraglich bleibt, wann es Sardinien gelingen wird, auch den Weg nach aussen zu öffnen, also auch souverän und stolz laut über sich reden zu lassen und reden zu können. Nur dann wird der " Kampf" gegen das Mittelmeer ein "Sieg" sein.